Notfallmedizin aktuell
Golden hour of shock

Ursprünglich trägt dieser Begriff den wichtigen, aus der Polytraumaforschung stammenden Erkenntnissen Rechnung, wonach die Prognose eines Traumapatienten eng mit der Länge der Zeitspanne „Traumaeintritt – adäquate klinische Versorgung“ korreliert. Der Hintergrund hierfür liegt in der Tatsache, dass - nach dem SHT - das MULTIORGANVERSAGEN (MOV) die häufigste Todesursache von Traumapatienten darstellt, wobei dies in deutlichem Zusammenhang zu den Folgen der Mikrozirkulationsstörungen im Rahmen eines hämorrhagischen Schockgeschehens zu sehen ist.

Diese Erkenntnisse hatte zur Folge, dass, ausgehend von den beiden Extremformen der prä-klinischen Versorgung („Scoop ’n run“ in den USA und dem zum damaligen Zeitpunkt hier eher üblichen „Stay ’n play“) heute allgemein empfohlen wird, die prä-klinische Versorgung eines lebensbedrohten Traumapatienten auf die Erlangung der Transporttauglichkeit zu beschränken. Alle hierzu notwendigen Maßnahmen müssen unter Einbeziehung der erwarteten Transportzeit auf ein zeitliches Minimum reduziert werden.

Ein Beispiel zu Veranschaulichung:

Ein polytraumatisierter Patient mit einem geschlossenen SHT (GCS initial 3), einem stumpfen Thorax- und Abdomentrauma und einer Fraktur des Beckens oder der großen Röhrenknochen muß selbstverständlich durch eine adäquate Sicherung der Luftwege, ausreichende Analgosedierung und Anlage von zwei peripher-venöse Zugängen zur adäquaten Volumentherapie [Small volume resuscitation] versorgt werden. Bei einer erwarteten bodengebundenen Transportzeit von 5 min bis zum Erreichen eines Traumacenters und zum Zeitpunkt des Abschusses o. a. Versorungsmaßnahmen erhaltener kardiozirkulatorischen Stabilität sollte man selbst bei vermuteten Pneumothorax auf die Anlage entsprechender Drainagen verzichten, da dies die Ankunft des Patienten am „Ort der adäquaten klinischen Versorgung“ unverhältnismäßig verzögern würde (…Intrakranielle Blutung und prä-klinisch unstillbare Blutungen intraabdominell und aus Becken möglich/wahrscheinlich!). Schließlich ist bei bodengebundenem Transport und plötzlichem Eintritt einer Kreislaufinstabilität im Hinblick auf das Vorliegen eines Spannungspneumothorax auch im weiteren Verlauf jederzeit die Anlage einer entsprechenden Drainage möglich.

Ist dagegen eine Transportdauer von 10 min im RTH zu erwarten, macht die Anlage entsprechender Drainagen durchaus Sinn, zumal wenn der RTH nachbestellt und vielleicht noch nicht am Unfallort eingetroffen ist. Begründet ist dies darin, dass 1.) die mit dem RTH-Transport verbundene Reduktion der Transportdauer auf ein - im Vergleich zum bodengebundenen Vorgehen – Bruchteil der erwarteten Transportzeit dadurch erkauft wird, dass der Patient am Boden für „alle Eventualitäten“ vorbereitet werden muss, da 2.) nach Abheben des Hubschraubers die Durchführung komplexerer Maßnahmen wie die Anlage einer Thoraxdrainage kurzfristig nicht mehr möglich sind.

Eine Abwägung aller durchzuführender bzw. durchführbaren Maßnahmen am Patienten ist daher unter Einbeziehung von Verletzungsmuster, Akutzustand, Transportart und erwarteter Transportzeit mit der Priorität der Minimierung des „Zeitverlustes“ bis zum Eintreffen des Patienten in der Klinik ist daher zwingend notwendig und eine der entscheidendsten Leistungen des betreuenden Notarztes vor Ort.

Literatur:
1.) Leitlinie „Polytrauma“ der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (> http://www.dgu-online.de/de/leitlinien/polytrauma.jsp)
2.) Kanz, KG, Sturm JA, Mutschler W (2002) Algorithmus für die präklinische Versorgung bei Polytrauma, Der Unfallchirurg 105 (11): 1007-1014
3.) Liberman M, Mulder D, Sampalis J (2000) Advanced or basic life support for trauma: meta-analysis and critical review of the literature. J Trauma 49(4): 584–599
4.) Nast-Kolb D, Ruchholtz S, Waydhas C, Taeger G (2006) Management des Polytraumas. Chirurg 77: 861-873